Erfahrungen einer narkoleptischen Grundschullehrerin

Noch bin ich ganz „frisch“ in der Gruppe der NarkoleptikerInnen.

Nicht dass mich diese Krankheit erst mit 53 Jahren erwischte! „Wunder gibt es immer wieder....“, aber ein solches dann wohl doch nicht.

Die Krankheit überfiel mich nicht bei Nacht und Nebel. Nein! Aber ich weiß erst seit vier Monaten, dass diese Geißel meines Lebens einen Namen hat.

Seitdem geht es mir besser als vorher. Ich kann endlich über all die Merkwürdigkeiten sprechen, die ich bisher verschwiegen hatte.

Und ich konnte die ewigen Lacher oder Belächler oder Spötter endlich einmal beschämen.

Sie hatten mir oft genug Tränen in die Augen getrieben durch ihre unsensiblen Bemerkungen.

Jetzt war meine Stunde gekommen, und ich hielt ihnen das Schild entgegen, auf dem steht: NARKOLEPSIE.

Welch eine Waffe! Jeder fragte. „Was ist denn das?“

Und ich konnte endlich mal erzählen. Es floss aus mir heraus wie ein Wasserfall und hörte gar nicht wieder auf.

Doch eigentlich wollte ich von etwas ganz anderem erzählen, von den Erfahrungen in meiner Arbeit.

DAS ist das Allerschlimmste, wenn ich erlebe, wie mich eine Schlafattacke überfällt - mitten im Unterricht -

und ich nur noch wie eine Maschine reagiere, allerdings wie eine Maschine mit Motorschaden.

Ich rede dummes Zeug und ich mache Fehler. Meine Schulkinder wissen nichts von der Krankheit.

Sie interpretieren die Merkwürdigkeiten ihrer Lehrerin auf ihre eigene Weise.

Kürzlich, als ich mal wieder alle Namen der Kinder durcheinanderbrachte, weil ich mich wie in Trance befand und dadurch überhaupt nicht konzentrieren konnte,

da sagte mein Frederik, ein sehr witziger Junge in meiner 4.Klasse: „Tja, ich glaube, Frau .......... wird alt. Sie ist schon richtig tüddelig.“

Alle lachten, ich auch, allerdings hatte ich mich schnell hingesetzt, um Schlimmeres zu vermeiden.

Und letzten Mittwoch passierte Folgendes:

Während ich in der vierten Stunde trotzig gegen eine lange Schlafattacke ankämpfte, arbeiteten meine Kinder in ihren „Expertengruppen“ an ihren Niedersachsenvorträgen.

Zum Schluss kam Manuel und erzählte - ein Buch hochhaltend - grinsend, dass das ja auch ein bisschen Sexualkunde heute war.

Ich stammelte nur: "Häh?", was bei Einschlafneigung ein beliebtes Wort aus meinem dann sehr, sehr sparsamen Wortschatz ist.

Daraufhin zeigte er mir in seinem Buch begeistert zwei Stellen und rief: "Ja, hier steht HODENhagen und dort steht WasserSCHEIDE."

Da kriegte ich dann durch den Lachanfall auch noch eine Kataplexie und knallte gegen die Tafel, was die Kinder sehr lustig fanden.

Schließlich war das wieder mal ein Erlebnis mit ihrer hin und wieder doch so lustigen Lehrerin.

Ja, und ob ihr es glaubt oder nicht, aber solche Vorfälle finde ich dann sogar belebend.

Das ist so, als ob man - in der Sch.... sitzend - einen Frühlingsduft wahrnimmt. Ein merkwürdiger Vergleich, aber es fällt mir kein anderer ein.

Ich liebe meine Kinder, und ich liebe sie jetzt noch auf eine besondere Weise.

Durch ihre spontane und liebevolle Art, mit den Merkwürdigkeiten ihrer Lehrerin umzugehen, helfen sie mir, nicht in Depressionen zu versinken.

Im Gegenteil, sie bringen mich zum Lachen und zu einer Leichtigkeit im Erleben, die ich bei Erwachsenen nicht finde.

Bei allem weiß ich um meine Verantwortung, und ich habe gerade in dieser Woche beschlossen, nun endlich die Tabletten einzunehmen,

um die ich seit Monaten einen großen Bogen mache.

Warum? Das ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht ein anderes Mal erzählen mag.

Immer noch höre ich meinen Arzt aus Alfeld sagen: „Warum nehmen Sie die Tabletten denn nicht?

In Ihrem Beruf müssen Sie aufpassen. Da werden Sie ganz schnell zu einer komischen Figur.“

Recht hat er, und deswegen führt auch kein Weg mehr an den Tabletten vorbei.

(Birgit R.)