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Ansprache einer Kerze (Hans Albert Höntges)
Ihr habt mich angezündet und schaut – nachdenklich
oder versonnen in mein LichtVielleicht freut Ihr Euch ein bisschen
dabei.Ich jedenfalls freue mich,dass ich brenne. Wenn ich nicht brennen
würde, dann läge ich in einem Karton.In so einem Karton haben wir aber
überhaupt keinen Sinn. Da liegen wir nur herum. Einen Sinn habe ich nur,
wenn ich brenne. Und jetzt brenne ich.Aber seit ich brenne, bin ich
schon ein kleines bisschen kürzer geworden. Das ist schade, denn ich
kann mir schon ausrechnen,wann ich so kurz bin,dass ich nur noch ein
kleines Stümpchen bin. Aber so ist das: Es gibt nur zwei Möglichkeiten –
entweder ich bleibe ganz und unversehrt und im Karton, dann werde ich
nicht kürzer, dann geht mir überhaupt nichts ab – aber dann weiß ich
nicht, was ich eigentlich soll – oder ich gebe Licht und Wärme, dann
weiß ich,wofür ich da bin, dann muß ich aber etwas geben dafür; von mir
selbst, mich selber. Das ist schöner als kalt und sinnlos im Karton.So
ist das auch bei Euch Menschen, genauso. Entweder Ihr bleibt für Euch,
dann passiert Euch nichts, dann geht Euch nichts ab – aber dann wisst
Ihr auch eigentlich nicht so recht: Warum. Dann seid Ihr wie Kerzen im
Karton. – Oder Ihr gebt Licht und Wärme. Dann gebt Ihr einen Sinn. Dann
freuen sich die Menschen, dass es Euch gibt. Dann seid Ihr nicht
vergebens da.Aber dafür müsst Ihr etwas geben: Von Euch selber, vor
allem,was in Euch lebendig ist: Von Eurer Freude, Eurer Herzlichkeit,
von Eurer Treue, Eurem Lachen, Eurer Traurigkeit, von Euren Ängsten, von
Euren Sehnsüchten, von allem,was in Euch ist.Ihr braucht keine Angst zu
haben,wenn Ihr dabei kürzer werdet. Das ist nur äußerlich. Innen werdet
Ihr immer heller. Denkt ruhig daran, wenn Ihr in eine brennende Kerze
seht, denn so eine Kerze seid Ihr selber. Ich bin nur eine kleine,
einzelne Kerze. Wenn ich allein brenne, ist mein Licht nicht groß und
die Wärme,die ich gebe, ist gering. Ich allein – das ist nicht viel.
Aber mit anderen zusammen ist das Licht groß und die Wärme stark.Das ist
einfach zu begreifen. Und wieder: Bei Euch Menschen ist das genauso.
Einzeln, für euch genommen,ist euer Licht nicht gewaltig und die Wärme
klein. Aber zusammen mit anderen,da seid Ihr viel. Licht ist ansteckend!
Als der Krieg zu Ende war, fand in Los Angeles eine
Feier der Bürger statt.Man feierte den Frieden. Bei seiner Ansprache
sagte der Bürgermeister: „ Ich möchte Ihnen etwas zeigen. In wenigen
Augenblicken werden die Scheinwerfer im Stadion gelöscht. Es wird hier
ganz finster werden. Ich werde dann das winzige Licht eines einzigen
brennenden Streichholzes hochhalten. Sie werden es alle sehen. Dann
bitte ich Sie alle, auch ein Streichholz anzuzünden und das Licht
hochzuhalten.“Das Licht ging aus. Es wurde stockfinster im Stadion. Dann
schauten alle auf das kleine flackernde Licht in der Hand des
Bürgermeisters: Rührend aber winzig. Und dann hörte man das Rascheln
der Streichholzschachteln. Und mehr als 80.000 kleine Lichter gingen an
– und das Stadion wurde wieder hell von all dem Licht.„Vergesse Sie
dieses Bild nicht“,rief der Bürgermeister:„Ein Licht ist wenig, aber das
Licht ist ansteckend, viele Lichter sind hell.“Und noch etwas: Manchmal
geschieht es,dass im Haushalt plötzlich das Licht ausgeht. Dann ist es
unerwartet finster, und alle rufen nach einer Kerze. Dann werden
Schubladen gezogen, ein Streichholz wird angemacht, und mit dem Anzünden
der Kerze ist die Dunkelheit überwunden: Mit einem einzigen Licht. So
ist es auch wieder unter Euch Menschen. Es ist nicht alles gut in dieser
Welt. Vieles ist finster und kalt.Viele klagen und schimpfen darüber.
Manche hören überhaupt nicht auf, sich und anderen vorzujammern, wie
miserabel es allen und ihnen im Besonderen geht. Aber ein einziges
Licht, das brennt, ist mehr als alle Dunkelheit.Lasst Euch deshalb Mut
machen und wrtet nicht auf die anderen. Laßt Euch anzünden, brennt und
leuchtet und wärmt. Das ist der Sinn Eures Lebens, wie es der Sinn einer
einfachen Kerze ist.Und wenn Ihr Zweifel habt, ob das auch stimmt, dann
zündet eine Kerze an – und schaut in die lebendige Flamme und begreift
das Gleichnis.
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